Birgit Westphal Handlungsbevollmächtigte der
Gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft Herne mbH

Liebe Großfamilie Weg und Raum,

 

ich freue mich persönlich, dass Sie, liebe Familienmitglieder, und das heißt: Freunde, Wegbegleiter, Förderer, Kritiker und insbesondere Aktive des Netzwerks Weg und Raum, der Einladung gefolgt sind, um den 20-jährigen Geburtstag zu feiern.

 

Es ist mir eine besondere Ehre, Sie hier heute stellvertretend für alle Träger im Netzwerk und als Aktive seit der Geburtsstunde herzlich begrüßen zu dürfen. Wir möchten heute mit Ihnen feiern und Ihnen danke sagen, denn ohne Sie alle und ohne Ihr unermüdliches Engagement gäbe es das Netzwerk Weg und Raum nicht.

 

Ein Zitat Tolstois beschreibt den Geist des Netzwerks treffend:

„Ausdauer und Entschlossenheit sind zwei Eigenschaften, die bei jedem Unternehmen den Erfolg sichern.“

 

Und Sie werden staunen: Auch Goethe kannte schon unser Netzwerk, indem er feststellte:

“ Bei jedem bedeutenden Unternehmen muss man die Hindernisse für Null erklären.“

Und darin sind wir Experten.

 

20 Jahre Netzwerk Weg und Raum - „Ist das eine lange Zeit?“

Verglichen mit Unternehmen wie Krupp oder Thyssen sind wir gerade mal dem Kleinkindalter entwachsen.

Für ein Netzwerk / ein Projekt der Arbeitsmarktpolitik haben wir mit 20 Jahren mindestens das fortgeschrittene Erwachsenenalter, wenn nicht schon Seniorenstatus erreicht und darauf können wir mächtig stolz sein.

Bei der Vorbereitung habe ich mir Gedanken gemacht, warum das Netzwerk so erfolgreich ist, es heute seinen 20. Geburtstag feiern kann und hoffentlich noch viele weitere Jubiläen folgen werden.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, Markenzeichen machen das Netzwerk einzigartig und tragen maßgeblich zum Erfolg bei.

 

Welche Markenzeichnen machen es aus?

• Kontinuierlich gute Qualität:

Das Netzwerk liefert kontinuierlich und unabhängig von den Rahmenbedingungen gute Qualität.

Förderstrukturen änderten sich häufig, der größte Umbruch kam mit Hartz IV, aber die Konzeption passte sich zwangsläufig an, wenn auch mit gravierenden inhaltlichen Abstrichen. Die gute Qualität der Arbeit bleibt jedoch als Konstante bestehen.

 

• Zentrale Steuerung

Eine Besonderheit der Kooperation ist das Vertrauen aller Träger  in die zentrale Steuerung.

Helmut Segger hat es mit dem Bild beschrieben:

Alle Träger sitzen in einem Boot, das von der Sonne, der zentralen Steuerung begleitet wird.

Mit dieser Dienstleistung  werden wir in die Lage versetzt, uns auf die eigentliche Arbeit der Baustellenabwicklung mit den Teilnehmenden zu konzentrieren.

Während wir zunächst unter dem Dach der Generalunternehmerschaft der LEG/S später LEG/AS agierten, übernahmen wir nach der Umstrukturierung der Gesellschaft die wirtschaftliche Verantwortung für die Durchführung der Baumaßnahmen.

Auf die bewährte Dienstleistung einer zentralen Steuerung wollten wir aber nicht verzichten. Durch Werkverträge mit Planwerk+ für die Bereiche Geschäftsbesorgung, Bauleitung und Abrechnung, haben wir mit erfahrenen Geburtshelfern des Netzwerks die entlastende Unterstützung gesichert. Einen großen Beitrag leistet ebenfalls Joanna Dymek mit ihrer professionellen Buchhaltung.

 

• Große, anspruchsvolle Baumaßnahmen und renommierte Auftraggeber sind kennzeichnend für das Netzwerk. Träger und zentrale Steuerung bilden einen Verbund, der in der Lage ist, große Baumaßnahmen wie in Duisburg-Nord oder Hibernia in Herne, Aufträge für Kommunen im Rahmen der Sozialen Stadt oder Schulprojekte umzusetzen.

Renommierte Auftraggeber wie der RVR oder die Emschergenossenschaft/Lippeverband schätzen unsere Verlässlichkeit, unsere Termintreue und insbesondere unsere hochwertige Qualität der Arbeit.

Sie vertrauen auf unsere Leistungsfähigkeit und beauftragen uns mit anspruchsvollen Baumaßnahmen.

In 20 Jahren wurde ein Umsatzvolumen von 130 - 150 Mio € erzielt, bei Bedarf in enger Zusammenarbeit mit Fachbetrieben aus dem näheren regionalen Umfeld.

 

• Gute Ausstattung an Maschinen, Fahrzeugen und Geräten, die je nach Bedarf - und das ist einzigartig - gemeinsam  von allen Trägern genutzt werden.

 

• Fördergeber wie die Arbeitsagentur bzw. aktuell seit Hartz IV das Jobcenter sowie die Ministerien sind ebenfalls Markenzeichen. Sie haben die Leistung immer anerkannt, die Bedeutung für den sozialen Arbeitsmarkt in der Region Wert geschätzt und das Netzwerk stets unterstützt.

 

• Engagierte und hochqualifizierte Ausbilder bilden das Herzstück des Netzwerks

Mit großem pädagogischem Geschick und hoher Fachkompetenz führen sie die Teilnehmenden jederzeit zu großartigen Leistungen.

Sie sind sich nie zu schade, selbst aktiv mitzuarbeiten, sind Vorbild und sprechen liebevoll von „ihren Jungs“ und  vereinzelt „Mädels“.

 

Ohne ihren Einsatz, ihr Know-how und ihre unermüdliche Geduld würde es nicht gehen!

 

Aus meist unbekannten Menschen unterschiedlicher Träger sind Kollegen und Freunde geworden, die sich mit viel Engagement für eine gemeinsame Sache einsetzen, sich gegenseitig unterstützen und helfen.

 

Die geringe personelle Fluktuation spricht für sich!

 

• Die Teilnehmenden

Es sind oft Langzeitarbeitslose und am 1. Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen, die die „echte“ Arbeit im Projekt schätzen, die sich vom Ergebnis ihrer Arbeit selbst überzeugen können und die sich mit ihrer Arbeit besonders identifizieren.

 

Sie leisten mit großem Einsatz und hoher Motivation Beeindruckendes.

Sie bauen Radwege, gestalten Freiflächen und Schulhöfe, pflegen Grünflächen, pflanzen, säubern  und vieles mehr.

 

Ca. 10.000 Menschen wurden bisher im Gesamtprojekt zugewiesen.

 

Sie erweiterten ihre beruflichen und persönlichen Kompetenzen,

u.a. auch dank der hohen Qualität der Aufträge.

 

Das Projekt ist ein großer sozialer Arbeitsmarkt, der dafür Sorge trägt, dass nicht ganze Gruppen vom Arbeitsmarkt abgekoppelt und alimentiert werden.

 

 

• Das Netzwerk/ die Träger/ die Projektleitungen mit ihren Teams sind  in dieser Form einzigartig.

Wir haben von Anfang an den gemeinsamen Weg zum Ziel erklärt.

Probleme, Herausforderungen, Krisen werden in kooperativem Umgang, geprägt von großem gegenseitigen Vertrauen, gemeistert.

Freude über Erfolge wird geteilt und gefeiert.

Ideen, Konzepte, Umstrukturierungen werden in Workshops, Klausurtagungen gemeinsam entwickelt. Jeder übernimmt Verantwortung.

 

Mit Freude kann ich behaupten: Hier ist ein großer Freundeskreis entstanden.

 

Abschließend lässt sich feststellen:

 

Wir werden sicher keine IBA- Situation mehr schaffen, wo Arbeit im Wandel, Industriestandorte im Umbau und die spürbaren sozialen Folgen den Anlass gaben, neue Wege der Beteiligung aufzuspüren.

 

Aber die Idee der Verknüpfung von Arbeitsmarktpolitik mit Umwelt- und Städtebaupolitik hat sich bewährt.

Sie gilt es zu erhalten, weiter zu verfolgen, zu stabilisieren und weiterzuentwickeln, um auch arbeitsmarktferne Zielgruppen durch sinnvolle Arbeit, individuelle Qualifizierungs- und Vermittlungsaktivität an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Aus diesem Grund bauen wir weiterhin auf unsere Auftraggeber, die uns mit hochwertigen Aufträgen versorgen und auf unsere Fördergeber, die uns mit personellen und finanziellen Ressourcen ausstatten.

 

Zum Schluss

möchte ich die Gelegenheit nutzen, dem Geburtstagskind im Namen aller Träger zu gratulieren.

Ich wünsche für die weiteren Lebensjahrzehnte

• allzeit gut gefüllte Auftragsbücher,

• Herausforderungen durch anspruchsvolle Baumaßnahmen,

• engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

• leistungsbereite Teilnehmende

• und immer eine ausreichende Portion Freude.

 

Ich danke Ihnen allen, die diese Geburtstagsfeier möglich gemacht haben und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit.

 

Es ist mir eine besondere Ehre, mich stellvertretend für alle Träger bei den beiden Geburtshelfern des Projekts zu bedanken.

Sie haben uns getrieben, unterstützt, mit uns und für uns gekämpft.  Sie haben immer für den lebensnotwendigen Sauerstoff gesorgt und sind nach wie vor die tragenden Säulen:

Brigitte Pawlik und Hubert Bortliss.

Ich darf euch nun zu mir bitten, damit ich euch einen kleinen Blumengruß der Träger überreichen kann.

Für den  heutigen Tag wünsche ich uns allen viel Spaß.

Prof. Dr. Matthias Knuth
Universität Duisburg / Essen

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

 

als ich Anfang des Jahres 1990 begann, mich wissenschaftlich mit Arbeitsmarktpolitik zu beschäftigen, gab es in der alten Bundesrepublik rund 1,9 Mio. Arbeitslose, und die Arbeitslosenquote betrug 6,4%. Man nannte das damals „Massenarbeitslosigkeit“, auch wenn sich die Situation im Vergleich zum bis dahin höchsten Gipfel der Arbeitslosigkeit mit 2,3 Mio. im Jahre 1985 gebessert hatte. Im September 1990 – damals stellte man bestimmte Strukturmerkmale nur einmal jährlich fest – gab es über 500.000 Langzeitarbeitslose, das waren 30% der Arbeitslosen. Im Jahresdurchschnitt 1990 waren 83.000 Personen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt, also in der Größenordnung von 30% der trotzdem verbliebenen Langzeitarbeitslosen. Hinzu kamen kommunale Arbeitsgelegenheiten in vermutlich ähnlicher, aber statistisch nicht dokumentierter Größenordnung, teilweise in der Entgeltvariante. Andere Formen der geförderten Beschäftigung gab es im Jahre 1990 noch nicht.

 

Nachdem nach der Deutschen Einigung vorübergehend alles noch viel schlimmer wurde und sich die Anzahl verschiedener Beschäftigungsinstrumente vervielfachte, hat sich die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach den Hartz-Reformen deutlich verbessert, wie wir alle wissen.

 

Die Zahl der registrierten Arbeitslosen betrug im Westdeutschland im Jahre 2014 zwei Millionen, was bezogen auf die inzwischen stark angestiegene Zahl der Erwerbspersonen nur noch eine Quote von 5,9% ergibt. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen betrug im Jahresdurchschnitt 2014 in dem statistisch um Westberlin verkleinerten Westdeutschland gut 770.000, das sind 37% der westdeutschen Arbeitslosen. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist also heute höher als 1990, obwohl man davon ausgehen muss, dass Tatbestände, die Arbeitslosigkeit unterbrechen und zu einer neuen Zählung bei der Bestimmung der Arbeitslosigkeitsdauer führen, heute sorgfältiger erfasst werden. Der Bestand an mit öffentlicher Förderung Beschäftigten belief sich Anfang 2014 auf etwa 123.000 in Gesamtdeutschland, was einer Größenordnung von 11,4% der Langzeitarbeitslosen entspricht. Die Quote öffentlich geförderter Beschäftigung hat sich also im Vergleich zu 1990 mehr als halbiert. Es wurde mehr Förderung abgebaut als es dem Rückgang der Arbeitslosigkeit oder Langzeitarbeitslosigkeit entsprochen hätte. Im Vergleich zu 1990 hat sich also nur die Arbeitslosenquote verbessert, und das aus rein rechnerischen Gründen.

 

Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen geht seit mehreren Jahren nicht mehr zurück, und die relative Bedeutung der Mismatch-Arbeitslosigkeit, d.h. der fehlenden Passung zwischen Strukturen der Nachfrage und des Angebots ist bei insgesamt sinkenden Arbeitslosenzahlen eher noch gestiegen. Mehr als 48 Prozent der Bezieher/-innen von Arbeitslosengeld II – das sind fast 4 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter - befinden sich seit mindestens vier Jahren dauerhaft im Leistungsbezug, mit örtlichen Spitzenwerten von über 10 Prozent. Der Aufschwung hat einen relevanten Teil der Erwerbsbevölkerung nicht mitgenommen, und selbst bei Fortdauer der günstigen Konjunktur besteht kein Anlass zu der Hoffnung, dass dieses künftig noch geschehen könnte. Denn die Sogwirkung der Beschäftigungsentwicklung auf den Arbeitsmarkt hat bereits seit 2011 stark nachgelassen, was sich in sinkenden Raten der Arbeitskräftefluktuation und abnehmenden Übergangsraten aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung zeigt.

 

Zurück in die erste Hälfte der neunziger Jahre, die eine spannende Zeit für Arbeitsmarktforscher war: Es waren vor allem die Strukturprobleme in jenen Regionen, die in den Statistiken der damaligen Bundesanstalt als „Beitrittsgebiet“ bezeichnet wurden, die die arbeitsmarktpolitische Phantasie herausforderten. So war es auch für mich, der ich dort gewissermaßen meine arbeitsmarktpolitische Lehrzeit absolvierte und meine späte Dissertation über die arbeitsmarktpolitische Flankierung der ostdeutschen Transformation schrieb.

 

Kurzarbeit wurde in den ostdeutschen Betrieben nicht nur verlängert, sondern auch dann zugelassen, wenn keine Aussicht auf den Erhalt der Arbeitsplätze bestand. Nachdem der maximale Zeitraum von Kurzarbeit erschöpft war, wurde der nahtlose Wechsel in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ohne einen einzigen Tag der Arbeitslosigkeit erlaubt. Als die Förderzeiträume von ABM erschöpft waren, wurden Anschlussinstrumente wie der „Lohnkostenzuschuss Ost“ sowie die „Stukturanpassungsmaßnahmen“ erfunden. Man entdeckte, dass man mit öffentlich geförderter Beschäftigung dringend erforderliche Arbeiten wie den Abriss stillgelegter Industrieanlagen, die Sanierung von Industriebrachen und ihre Vorbereitung für Neuansiedlungen, die Renaturierung von Braunkohleabbaugebieten und den Aufbau von Anfängen einer touristischen Infrastruktur rascher in Gang bekam als über die Instrumente der Wirtschafts- und Strukturförderung. Außerdem konnte man durch den Einsatz der Arbeitsmarktinstrumente sicherstellen, dass ortsansässige Kräfte eingesetzt wurden, die ansonsten arbeitslos gewesen wären. Bei normalen öffentlichen Aufträgen zu Abriss, Umweltsanierung oder Landschaftsbau wäre es dagegen wohl eher wahrscheinlich gewesen, dass westdeutsche Firmen die Aufträge bekommen und ihre Arbeitskräfte größtenteils mitgebracht hätten.

 

Die deutsche Einigung führte zu einer erheblichen nachholenden Nachfrage des Ostens nach Produkten des Westens, und einige Werke, über die der Strukturwandel eigentlich schon den Stab gebrochen hatte, erhielten noch einmal eine Gnadenfrist. Für den hiesigen Standort kam der Vereinigungsboom zu spät, aber Rheinhausen produzierte noch bis 1993. Von etwa 1993 bis 1997 stiegen in Westdeutschland die jährlichen Zugänge aus Erwerbstätigkeit in Arbeitslosigkeit, die um 1990 stark zurückgegangen waren, wieder auf das Niveau in der ersten Hälfte der 1980er Jahre an, was auf eine Beschleunigung des Strukturwandels hindeutet. Vor diesem Hintergrund beeinflussten die im Osten gemachten arbeitsmarktpolitischen Erfahrungen die arbeitsmarktpolitische Debatte in Gesamtdeutschland. 1994 veröffentlichte ein von den arbeitsmarktpolitischen Referenten der SPD-geführten Bundesländer, einiger Gewerkschaften und von Wissenschaftlern getragener „Arbeitskreis AFG-Reform“ sein „Memorandum für ein neues Arbeitsförderungsgesetz“, in dem die Verknüpfung von geförderter Beschäftigung mit Strukturförderung eine zentrale Rolle spielte. Die SPD-Bundestagsfraktion übernahm Elemente davon in ihren 1995 im Bundestag eingebrachten „Entwurf eines Arbeits- und Strukturförderungsgesetzes (ASFG)“. Man war dann aber nach der Regierungsübernahme 1998 zunächst so sehr mit Fragen der Alterssicherung beschäftigt – das gab es also nicht nur 2014 –, dass erst sehr viel später ein Instrument namens „Beschäftigung schaffende Infrastrukturmaßnahmen“ seinen Weg in das JobAQTIV-Gesetz von 2001 schaffte. Dort passte es eigentlich unter dem sich ausbreitenden Aktivierungsparadigma schon nicht mehr so recht hin und kümmerte folglich vor sich hin, bis es einer Instrumentenreform zum Opfer fiel.

 

In der westdeutschen arbeitsmarktpolitischen Praxis und insbesondere im Ruhrgebiet, wo die Zechenstandorte und Stahlwerksbrachen ja nicht so viel anders aussahen wie in den Neuen Bundesländern, kam es – wenn auch in viel kleinerem Maßstab – ab etwa 1994 zu ähnlichen ABM-Projekten wie im Osten, d.h. ABM-Kräfte wurden bei Abbruch, Aufräum- und Renaturierungs¬arbeiten und im Saarland auch bei der Herrichtung eines Industriedenkmals eingesetzt. Anders als im Osten waren dabei jedoch so gut wie nie die vormals auf diesen Objekten Beschäftigten im Einsatz, d.h. Beschäftigtentransfer und geförderte Beschäftigung waren nicht verknüpft wie bei der Abwicklung der ostdeutschen Treuhandbetriebe. Während man im „Wilden Osten“ zeitweilig alles zugelassen hatte, was einen Ansturm auf die Arbeitsämter verhinderte, kehrten Gesetzgeber und Bundesanstalt im Westen bei den Voraussetzungen des Zugangs in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen weitgehend zum alten Regelungsstandard zurück, und die Zeitabläufe zwischen Stillegung und Umnutzung waren auch viel langsamer und ließen daher direkte Übergänge nicht zu.

 

Die Suche nach dem strukturwirksamen Einsatz geförderter Beschäftigung im Ruhrgebiet führte mich 1995/1996 zur LEG Standort- und Projektentwicklung. Bereits seit Oktober 1994, so habe ich es jedenfalls damals aufgeschrieben, betrieb man ein ABM-Projekt mit rund 100 Jugendlichen im Radwegebau und bei der Gestaltung der begleitenden Grünzüge. Seitdem haben sich die Förderinstrumente, die Finanzierungs  und Trägerstrukturen, die Zusammensetzung der Teilnehmenden und die Vergütung ihrer Tätigkeiten geändert, aber die ausgeführten Tätigkeiten selbst sind ähnlich geblieben. Das Netzwerk Weg & Raum hat die Überführung des Arbeitsförderungsgesetzes in das SGB III, die Hartz-Reformen und damit die Überführung der Zielgruppe in das SGB II, diverse Instrumentenreformen und den massiven, im Verhältnis zum Rückgang der Arbeitslosigkeit weit überproportionalen Abbau der Förderung überlebt. Es handelt sich also bei Weg & Raum trotz beträchtlichen Alters offensichtlich nicht um einen Dinosaurier, sondern um eine andere uralte Echsenart, von deren zahlreichen erstaunlichen Fähigkeiten nur der Wechsel der Farbe sprichwörtlich geworden und zu Unrecht eher negativ konnotiert wird. Die Fähigkeit sich an wechselnde Umwelten anzupassen gerade um identisch zu bleiben und seinen Kurs fortzusetzen ist etwas sehr Seltenes, bei Weg & Raum aber offenbar gegeben.

 

„Wege aus der Nische“ habe ich damals die kleine, für die Schriftenreihe der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, berufliche Bildung und Frauen geschriebene Broschüre genannt, in der der Radwegebau neben drei weiteren Projekten (davon zwei aus dem Ruhrgebiet) dargestellt wurde. Die „Nische“, aus der diese Projekte herausführen sollten, war das Eingesperrtsein öffentlich geförderter Beschäftigung zwischen Zusätzlichkeit – also Tätigkeiten, die niemand wirklich dringend braucht – und öffentlichem Interesse – also Tätigkeiten, die in der Regel von privatwirtschaftlich orientierten Unternehmen nicht ausgeführt werden. Man wunderte sich dann später, dass die in dieser Weise Beschäftigten selten den Weg aus der Nische in den regulären Arbeitsmarkt fanden, diskreditierte mit diesem Befund die Instrumente und reduzierte die Förderung.

 

Dabei mangelte es nicht an Versuchen, Wege – und eben u.a. auch Radwege – aus der Nische zu bauen. Es gab die Vergabe-ABM, um die sich allerdings Auftragnehmer nicht von selber rissen – es bedurfte hierzu eines Projektmanagements und einer Infrastruktur zur Qualifizierung und Stabilisierung der Teilnehmenden. Es gab die regionalen Konsensrunden, in denen ordnungspolitische Dilemmata der geförderten Beschäftigung nicht dogmatisch beschworen, sondern pragmatisch ausbalanciert wurden. Es gab die wegweisende und parteiübergreifende Idee der seinerzeitigen Bundestagsabgeordneten Klaus Brandner und Karl-Josef Laumann, den ordnungspolitischen Gartenzaun zu ersetzen durch ein Förderungsmodell, das allen Kategorien von Arbeitgebern offensteht und damit das Klagen über Wettbewerbsverzerrung gegenstandslos macht. Knapp überlebte diese Förderungslogik des seinerzeitigen Beschäftigungszuschusses die letzte Instrumentenreform als nunmehr in homöopathischen Dosen praktizierte „Förderung von Arbeitsverhältnissen“. Es gab und gibt die Initiative der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg, die gezeigt hat, dass mit Überredung, Dienstleistungsangeboten und zusätzlichem Geld tatsächlich privatwirtschaftlich orientierte Arbeitgeber für eine zum Sozialen Arbeitsmarkt erweiterte „Förderung von Arbeitsverhältnissen“ zu gewinnen sind.

 

Diese Perspektive eines „Sozialen Arbeitsmarktes“, in dem man auf starre Grenzen zwischen erstem, zweitem und womöglich drittem Arbeitsmarkt verzichtet, führt aber offensichtlich bei den derzeit verantwortlichen SPD-Politikern zu Orientierungsschwierigkeiten. Man mag auf den ordnungspolitischen Gartenzaun nicht verzichten. Deshalb fördert die nordrhein-westfälische Landesregierung mit ihrem Ergänzungsprogramm zur Förderung von Arbeitsverhältnissen ausschließlich öffentliche oder gemeinnützige Träger. Die Bundesarbeitsministerin markiert den Gegenpol, indem sie in ihrem ESF-Langzeitarbeitslosenprogramm durch steile Degression der Förderung und förderungsfreie Nachbeschäftigungszeit Träger praktisch ausschließt, aber offensichtlich erwartet, privatwirtschaftlich orientierte Arbeitgeber für eine ESF-Förderung als Weiterleitung gewinnen zu können – mal abgesehen von etlichen anderen bürokratischen Zumutungen.

 

20 Jahre Netzwerk Weg & Raum sind nicht nur 20 Jahre erfolgreichen Überlebens, sondern auch 20 Jahre, in denen die Arbeitsmarktpolitik sich bezüglich der geförderten Beschäftigung im ordnungspolitischen Kreis dreht, statt mal aufs Rad zu steigen. Von dort könnte man sehen, dass die Lösungen eigentlich seit 20 Jahren bekannt sind und lediglich zur Kenntnis genommen werden müssten. Kommunen und andere öffentliche Auftraggeber haben durchaus die Möglichkeit, durch die Gestaltung ihrer Auftragsvergabe Raum zu schaffen für die geförderte Beschäftigung und Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen in Tätigkeiten, die nicht nur gesellschaftlich notwendig sind, sondern die auch außerhalb öffentlicher Aufträge vorkommen und insofern marktgängig sind. Weg & Raum und seine öffentlichen Auftraggeber führen das seit 20 Jahren erfolgreich vor. Durch das neue EU-Vergaberecht, in Deutschland in den nächsten 12 Monaten umzusetzen, wird die Berücksichtigung sozialer und ökologischer Zielsetzungen bei der öffentlichen Auftragsvergabe erleichtert.

 

Vor diesem Hintergrund wünsche ich „Weg & Raum“ einen weiterhin langen Atem. Das Netzwerk leistet nicht nur einen Beitrag zur Linderung der Langzeitarbeitslosigkeit, der in seinen Größenordnungen immer bescheiden sein wird. Es demonstriert darüber hinaus ein Handlungsmodell, dessen Verallgemeinerung einen entscheidenden Beitrag dazu leisten könnte, dass die Idee eines „Sozialen“ oder „Inklusiven“ Arbeitsmarktes Wirklichkeit wird.

 

Prof. Dr. Matthias Knuth

 

geb. 1949 in Osnabrück, Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Germanistik an der Universität Hamburg mit Abschluss als Diplom-Soziologe 1976, Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Bremen 1996, Habilitation an der Universität Duisburg-Essen 2004, dort Ernennung zum außerplanmäßigen Professor 2008. 1976/77 Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Projektträger Humanisierung des Arbeitslebens, Bonn, 1977–1981 beim Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft, Saarbrücken. 1982–1990 Referatsleiter Forschungsförderung bei der Hans-Böckler-Stiftung, 1990–2006 Projektleiter im Institut Arbeit und Technik, Gelsenkirchen, ab 2001 auch dessen Wissenschaftlicher Geschäftsführer. 2007 − 2011 Leiter der Forschungsabteilung „Entwicklungstrends des Erwerbssystems“ im Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, seit Juli 2011 gleitender Übergang in den Ruhestand und damit Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der in „Arbeitsmarkt – Integration - Mobilität“ umbenannten Abteilung. Seit 2011 Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF), Mitglied des Herausgeberbeirats der Zeitschrift „Sozialer Fortschritt“ und des Editorial Board der „Zeitschrift für Evaluation“. Arbeitsschwerpunkte: Arbeitsmarktmobilität, Arbeitsmarktpolitik, international vergleichende Sozialpolitik, Erwerbstätigkeit von Älteren und von Personen mit Migrationshintergrund.

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